top of page

Glück Auf! Eine Grubenfahrt

von Rolf Gutsche überliefert von Horst Bayer zitiert

(Der Text wurde im Jahr 1929 von Rolf Gutsche, einem ehemaligen Lehrer der Bad Salzdetfurther Volksschule, geschrieben, der über eine Grubenfahrt am 19. Dezember 1929 berichtet. Rolf Gutsche ist leider im 2. Weltkrieg gefallen

01-02_Grubenfahrt.jpg

Bild 1 Kaliwerk Bad Salzdetfurth

Bild 2 Förderturm und Gebäude von Schacht II

Bei meinem Heimatort Bad-Salzdetfurth liegt ein Kaliwerk. Seine Gesamtlage ist auf der Fliegeraufnahme (Bild 1) zu ersehen.

Schon als kleines Kind bewunderte ich die gewaltigen eisernen Fördergerüste. Immer schon hegte ich den Wunsch eine Grubenfahrt zu machen, um zu sehen, wie unten die Salze genommen würden.

Endlich erfüllte mir mein Vater meinen Wunsch und nahm mich mit zur Grube. Auf dem Wege nach Schacht II, dem Hauptförderschachte (Bild 2), erblickte ich den großen eisernen Förderturm, worin sich 2 Seilscheiben drehen.  Nachdem ich mich zur Grubenfahrt umgezogen und eine Grubenlampe erhalten hatte, ging ich mit meinem Vater in die sog. Schachthalle.

Hier sah ich, wie die mit Salz gefüllten Förderwagen vom Förderkorb durch eine Aufschiebevorrichtung umgestoßen wurden. An die Stelle der vollen Salzwagen wurden Leer- und Versatzwagen aufgeschoben. Die vollen Salzwagen wurden unter die Kettenbahn geschoben, die nach der Fabrik führt, während die Leer- und Versatzwagen von dieser kommen. Auf dem Bild 2 sieht man dies. Ein Lärm und Getöse war es, dass man sich schwer verständigen konnte. Der Förderturm ist ein eisernes Gestell mit 2 Böden. Auf jeden können 2 Förderwagen aufgeschoben werden, so dass immer 4 volle Salzwagen zutage und 4 Leer- oder Rückstandswagen in die Grube kommen.

Die Förderkörbe wurden durch eine elektrisch angetriebene Fördermaschine bewegt. Dieses Fördern geht sehr schnell vor sich, so dass die 750 m in einer Minute zurückgelegt werden. Die Geschwindigkeit erreicht bis 18 m in der Sekunde. Der Querschnitt des Schachtes ist ein Kreis von 5 m Durchmesser.

Nun begann die Fahrt in die Tiefe. Ich stieg mit meinem Vater auf die hoch gelassene Förderschale. Vorher wurde dem Korbbeschickern durch ein Sprachrohr „Personenfahrt“ zu gerufen, damit er die vorgeschriebene Geschwindigkeit von 8 m in der Sekunde beibehalte. Dann gab der Auffahrer dem Fördermaschinisten das Klingelzeichen zum Abfahren. Jetzt merkte ich, wie wir allmählich sanken. Immer schneller wurde es. Ich hielt den Mund auf, um kein Ohrensausen zu bekommen. Mein Vater zeigte mir die hölzernen Spurlatten. 

Diese gaben dem Korb die Führung, um so ein hin- und herschleudern zu verhindern. Vom Korbe aus sah ich auf die Fahrten, dass sind Leitern, auf welchen die Bergleute aus dem Schacht klettern können, wenn die Fördermaschine versagt. Aber es ist nicht angenehm hinaufzusteigen, denn es dauert mehrere Stunden und strengt sehr an. Auch konnte ich die Verschalung des Schachtes beobachten. An den Stollen, an denen weniger Wasser beim Abteufen d. h. beim herunterbringen des Schachtes aufgetreten war, steht Mauerwerk, während die übrigen Stollen durch eiserne Ringe, die aus einzelnen Kreisabschnitten bestehen, ausgekleidet sind. Auf einmal gab es einen Ruck und wir waren am Füllort auf der Hauptförderstelle.

Mit einem Glückauf wurden die Leute begrüßt. Hier beobachtete ich wie die leeren Wagen durch die vollen abgestoßen wurden. Diese liefen dann selbsttätig weiter um den Schacht und wurden von einer Kette, die auf dem Wagen und ein sog. Mitnehmer liegt, einzeln mitgenommen. Hier in der Höhe liegt die Antriebsmaschine für die Kettenbahn (Bild Nr.: 3). Dies ist eine Kette ohne Ende. Von hier aus führte eine sogenannte Strecke in gerader Richtung weiter, in welcher auch die Kettenbahn lief. Auf dem Bilde ist wieder zu beobachten, wie die vollen Salzwagen nach dem Schachte und die anderen Wagen in das Grubenfeld fahren.

Die Strecken haben einen rechteckigen Querschnitt von 4 m Breite und 2,2 m Höhe. Sie führen von dem Schacht nach der Salzlagerstätte, um so dass Salz zutage bringen zu können. Die Strecken stehen ohne jeden Ausbau offen, denn dass Salzgebirge trägt sich selbst. Der Bergmann nennt die Seitenwände „Die Stöße, die Dicke, die Firste, und den Boden die Sohle. Die Strecken wurden durch Bohrarbeit unter Verwendung von elektrischen Bohrmaschinen und durch Sprengarbeit hergestellt (Bild Nr.: 4). Für das Sprengen wurden sog. Sicherheits-Sprengstoffe, seltenernoch Spreng-salpeter benutzt. Auf dem Bilde sehen wir rechts den Hauer neben seiner Bohrmaschine stehen und auch Spuren von Bohrlöchern. Das losgeschossene Salz wird von Förderleuten in die Wagen gefüllt und nach den Seilbahnen gefahren.

Nach etwa 600 m kommen wir an die Umlenkscheibe der Kettenbahn. Von hier aus gehen nach 2 Richtungen Drahtseilbahnen, deren Antriebsmaschinen ich auch sah. Zum Gegensatz zur Kettenbahn, die die Wagen einzeln mitnimmt, werden diese in Zügen von 6 – 8 Wagen gezogen. Jeder Förderwagen ist 0,6 cbm groß und fasst 8 DZ. Salz. Beiderseits ist er mit Kuppelhaken versehen, wodurch sie untereinander verbunden werden können. Die Verbindung zwischen Seil und Wagenzug ist eine Kette. 

Bild 3 Kettenbahn mit Wagen

Bild 4 Bergmänner mit Bohrgerät und Wagen

03-04_Grubenfahrt.jpg
05_Grubenfahrt.jpg

Bild 5 Füllort 

Neben der Seilbahn führt ein Weg, die Fahrstrecke genannt, her. Diesen verfolgten wir. Nachdem wir 400 m zurückgelegt hatten, kommen wir in einen Blindschacht. Ein Blindschacht hat einen rechteckigen Querschnitt von etwa 2 x 4 m Größe und geht senkrecht bis 7,5 m in die Höhe. Er verbindet die verschiedenen Teilsohlen miteinander. Auf dem Bild Nr.: 5 sehen wir den Füllort dieses Blindschachtes.

Hier wird gerade ein voller Salzwagen abgezogen und ein Leer- oder Versatzwagen aufgeschoben. Die andere Schale hält auf einer höheren Talsohle, und der Leerwagen wird durch einen gefüllten Salzwagen ersetzt.

Ein Blindschacht hat große Ähnlichkeit mit dem Fahrstuhl eines Wohnhauses. Bei diesem ist nur eine Fahrschale, und auf der anderen Seite läuft ein Gegengewicht.Nun stieg ich mit meinem Vater auf die neben der Förderabteilung stehenden Fahrten 30 m hoch nach den Salzabbauen. Dieser sog. Fahrschacht ist gegen die Förderabteilung durch Bretter gesichert, um ein Verletzen der Bergleute zu verhüten. Alle 8 m sind Abtretbühnen, wie im Hauptschacht eingebaut, auf denen die Fahrten stehen, und sich gleichzeitig der Bergmann ausruhen kann. Auf der 746 m–Sohle angekommen, sah ich, wie wieder durch Seilbahnen dem Blindschacht die Salzwagen zugeführt wurden. Nun kam ich in einen großen Raum von ungefähr 15 m Breite, 50 m Länge und 12 m Höhe. Hier lag das losgeschossene Salz, welches von Bergleuten in die Förderwagen gefüllt wurde. Da es infolge der großen Tiefe in diesen Räumen sehr warm ist, arbeiten die Bergleute oft nur mit der Hose bekleidet. Dieses ist auf dem Bild zu sehen.

Diese ausgeschossenen Abbauräume, sog. Salzfirsten, werden nach der Leerförderung durch Einbringen von Fabrikrückstand wieder gefüllt. Dieses konnte ich von einer anderen Stelle beobachten. Auf diesem sog. Versatz schreitet dann der Abbau weiter aufwärts. Zwischen den einzelnen Abbauräumen bleiben Pfeiler von 6 – 8 m Stärke stehen, damit die Abbauten gegen Hereinbrechen der überlagernden Schichten gesichert sind.

An vielen Stellen konnte ich sehr gut die abgelagerten Salzschichten beobachten. In einem First baute mein Vater Magnesium ab, wodurch erst das prächtige Farbenspiel der Salze zur Geltung kam. Die Salze spiegelten die Farben weiß, rotbraun, hellgrün, violett und die durchscheinenden Zwischenstufen. Die Salzfirsten liegen sehr selten noch in ihrer ursprünglichen, horizontalen Lage, sondern sind durch gewaltige Erdhebungen und Erdsenkungen in die verschiedensten Faltungen gelegt. Oft stehen diese ganz senkrecht, dann wieder flach geneigt. So kommt es vor, dass Strecken abwechselnd durch jüngere und ältere Salz-schachten führen.

Zur Verarbeitung in der Fabrik werden nur Carnallit und Sylvanit mit zutage gefördert, während die anderen mit losgeschossenen Salze, ein Steinsalz und Anhydrit in die leergeförderten Abbauten als Bergersatz gestürzt werden.

Immer mehr wird die Handförderung durch Maschinen ersetzt. Ich sah in einem großen Salzabbau so genannte Schüttelrutschen . Diese werden von Maschinen stoßweise hin- und her bewegt, wodurch das auf den Rutschen liegende Salz vorwärts geschleudert wird. Die Rutschenbleche sind auf dem sog. Schlitten verlagert und führen bis zum großen, losgeschossenen Salzberg. Hier werden die Salze

von Leuten in die Rutschenbleche hereingeharkt oder geschaufelt .Das Salz wird so bis auf 75 m befördert. Es kommen keine Förderwagen mehr in den Abbau. 

Bild 6 Salzrutsche

Auf dem Bild 6 sehen wir wie eine Rutsche das Salz einer anderen zubringt, die rechtwinklig zu ihr steht. Diese fördert das Salz in ein sog. Rolloch. Das Rolloch führt, wie ein Schornstein, von der oberen Teilsohle nach der Hauptförderstrecke. Unten ist das Rolloch durch dicke Eisenbleche, die stark geneigt sind, abgedeckt. Nur eine bewegliche Klappe gestattet das darin liegende Salz in die darunter geschobenen Förderwagen fallen zu lassen. Die Wagen werden dann unter die vorbeifahrende Seilbahn geschoben und in Zügen zusammengestellt.

Eine weitere technische Steuerung zur Förderung der Salzmassen ist der sog. Schrapper. Diesen sah ich in einer anderen Salzfirst in Betrieb. Er besteht aus dem Förderhaspel mit den beiden Seiltrommeln und dem Schrappergefäß . Das Schrappergefäß ist mit den beiden Seilen verbunden. Das hinten am Schrappergefäß befestigte Seil wird über eine in der First aufgehängten Rolle geführt. Durch den Haspel wird das Gefäß vor- und zurück bewegt und das losgeschossene Salz mitgenommen.

Bild6.jpg
07_Grubenfahrt.jpg

Bild 7 Salzrutsche

Es wird auf eine schiefe Ebene, den Schrappertisch gezogen (Bild Nr.: 7). Von hier aus fällt es in die darunter geschobenen Förderwagen. Ein Schrappergefäß füllt 2 – 3 Förderwagen. Die Endrolle im Abbau wechselt so nach dem vorhanden sein des Salzes seinen Platz, sodass der ganze Abbau leer geschrappt werden kann. In einer Schicht werden bis 200 Wagen gefüllt.

Die Zeit war wie im Fluge vergangen. Jetzt hieß es an die Ausfahrt zu denken. Auf dem Rückwege wehte uns in der Hauptförderstrecke ein kühler Wind entgegen. Wir gingen, wie der Bergmann sagt, gegen den frischen Wetterstrom. Die frischen Wetter fallen in den Schacht II, wo wir eingefahren waren, ein und ziehen im Schacht III aus. Hier saugt ein großer Ventilator die verbrauchten Wetter aus der Grube.

Als wir am Füllort ankamen, waren bereits 4 Stunden vergangen. Aufschläger hatte den Förderkorb schon bereitgehalten. Mit einem Glückauf nahmen wir Abschied und fuhren zutage. Froh war ich, wieder den blauen Himmel und die liebe Heimat im Sonnenlicht zu sehen. Ich habe versucht das Geschaute zu schildern. Vieles habe ich übersehen und kann es nicht so weitergeben, wie ich es wohl gern möchte. Vergessen werde ich diese Grubenfahrt nicht, denn sie war für mich als Jugendlicher ein Erlebnis und zugleich sehr lehrreich.

bottom of page